Archiv für August 2012

‚Magersüchtig‘ ist keine Körperform!

Ich erlebe es immer wieder: Ich bin in Gesellschaft irgendwo unterwegs, eine sehr dünne Person (meistens eine Frau*) kommt vorbei, meine Gesellschaft versucht, die Person nicht anzustarren und flüstert: „Krass, ist die magersüchtig!“.
Jetzt dazu alles, was ich dir, werte kommentierende Person, gerne an den Kopf werfen wollen würde, aber mich nie traue:
1. Who the fuck are you to judge? Wer gibt dir das Recht, ungefragt den Körper anderer Personen zu kommentieren? Ich hab in den letzten Jahren SO viele Kommentare bekommen, die ich nicht haben wollte. Von Besorgnis über ‚das sieht ja jetzt viel besser aus‘ über ‚wäre schon schöner, wenn du noch mehr abnehmen würdest‘ bis zu KZ-Vergleichen (das ist leider kein Scherz). Dabei war es meistens ziemlich egal, wie ich gerade ausgesehen habe. Mittlerweile bin ich so sensibilisiert darauf, dass ich mir Mühe geben muss, nicht loszuweinen, wenn eine Person auch nur IRGENDETWAS sagt, was nach ‚ich habe bemerkt, dass du einen Körper hast‘ klingt.
2. Magersucht ist einfach keine Körperform. Magersucht ist: Selbsthass, ist Bestrafung und ist aktive Selbstzerstörung. Magersucht ist nicht: sichtbare Knochen, dünne Beine und Arme oder ein ‚Model-Körper‘.
3. Gewicht ist ein Diagnose-Kriterium für Magersucht. Ist der BMI unter einem bestimmten Wert, kann eine Person als anorektisch diagnostiziert werden. Aber auch hier: Magersucht ist nicht Untergewicht. Untergewicht ist Untergewicht. Magersucht sind Verhaltensweisen und Gedanken. Magersucht heißt, 24 Stunden am Tag mit der Person verbringen zu müssen, die du auf dieser Welt am wenigsten magst. Magersucht heißt, sich selbst zu verbieten. Hatte eine Person ein hohes Ausgangsgewicht, ist es sehr wahrscheinlich, dass diese lange bevor der Diagnose-BMI erreicht wird, magersüchtig ist. War eine Person unter dem Diagnose-BMI und hat zugenommen, ist sie damit nicht auf wundersame Art und Weise geheilt. Hör auf, sehen zu wollen, wie es Menschen geht. Vor allem, indem du nur auf ihr Gewicht guckst. Der Krieg im Kopf wird durch die Waage nicht angezeigt.
4. Du weißt nie, wen du verletzt. Ich verstehe nicht, was dich dazu veranlasst, in meiner Gegenwart das Äußere anderer Menschen zu beurteilen. Aber ich weiß, dass es mich trifft. Im Moment ist mein BMI zu hoch, um offiziell anorektisch zu sein. Nennst du eine Person in meiner Gegenwart so, passiert bei mir Folgendes: Ich werde neidisch, dass du die Person siehst, aber nicht mich. Ich fühle mich fetter denn je. Ich glaube, nicht mal eine Essstörung richtig machen zu können und sogar bei dieser zu versagen, weil ich zu viel wiege. Ich vergleiche mich. Ich muss konstant fühlen, ob meine Knochen noch alle da sind. Ich hasse mich dafür, nicht magersüchtig auszusehen und mich nicht genug zu hassen.

Also, bitte bitte bitte: Überlege dir, warum du das Bedürfnis hast, den Körper von Menschen zu kommentieren. Setz nicht ‚magersüchtig‘ mit ‚dünn‘ gleich. Frag dich, warum du Körper in gut und schlecht einteilen möchtest. Egal, was bei dir ‚gut‘ und was bei dir ’schlecht‘ ist. You never know, who you gonna hurt.

Veganismus und Essstörung

Ich lebe seit fünf Jahren vegan. Seit acht Jahren vegetarisch. In dieser Zeit habe ich natürlich auch einiges über Veganismus gelesen. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir dabei dieser Artikel. Es geht um den Versuch einer Verbindung von essgestörtem und veganem Verhalten von Frauen*. Sowohl im Originalartikel als auch in diesem Post soll es dabei nicht darum gehen, dass Veganismus potentiell eine essgestörte Lebensweise ist. Auch nicht darum, dass Veganismus und Essstörung irgendwie korreliert sind/sein müssen.
Ich stelle allerdings fest, dass bei mir sehr wohl eine Verbindung von beidem besteht. Sowohl im positiven als auch im negativen Sinne.

Als ich begonnen habe, vegan zu leben, habe ich das eine Zeit lang als eine enorme äußere Reglementierung und als Einschränkung empfunden. Essen war ganz leicht in ‚gut/erlaubt‘ und ’schlecht/verboten‘ einzuteilen. Aus meiner damals neu-veganen Perspektive hat die Kategorie ’schlecht/verboten‘ die Kategorie ‚gut/erlaubt‘ quantitativ krass überwogen. Das lag einfach daran, dass ich sehr gerne Käse esse und demnach vor dem Beginn der veganen Lebensweise mich fast immer von tierischen/vegetarischen Produkten ernährt habe. Außerdem hatte ich einfach keine Veganer_innen in meinem sozialen Umfeld, an denen ich mich hätte orientieren können. Das wiederum hatte zur Folge, dass ich einfach kein veganes Essen kannte. Rückblickend stellt sich mir dabei die Frage, aus welchen Gründen ich denn dann vegan geworden bin, wenn ich es doch als persönliche Reglementierung und Disziplinierung empfunden habe. Erst mit der Zeit ging mir auf, dass es mehr im Leben vegan lebender Menschen geben muss, als Marmeladenbrot und Bananen. Als ich vegane Möglichkeiten immer mehr für mich entdeckte, gab es einen Wandel in der Verteilung von ‚gut/erlaubt‘ und ’schlecht/verboten‘. Die guten/erlaubten Optionen wurden immer mehr und die schlechten/verbotenen dadurch auf einen der hinteren Plätze in meinem Gedächtnis verschoben. Ich hörte auf, unveganes Essen zu vermissen und fühlte mich nicht mehr eingeschränkt. (mehr…)

Riots and Diets?

Kann das funktionieren? Mit ‚riots‘ meine ich nicht unbedingt offene Straßenschlachten und brennende Barrikaden (auch wenn das eine gewisse Romantik für sich hat), sondern aktive Politik. Auf Plena sitzen, Diskussionen, die Organisation von Veranstaltungen, auf Camps fahren und so weiter und so fort. Mit Essstörung.

Pragmatisch betrachtet gibt’s da erstmal ganz simple Probleme:
1. Auf fast jedem Plenum steht irgendwie Essen auf dem Tisch. Im besten Fall ist es mir egal, im Zweifelfall rumpelt mein Magen munter drauf los und ich habe Angst, dass mein Magenknurren bemerkt wird. Und im schlimmsten Fall bin ich fest davon überzeugt, dass mir doch alle meinen Hunger ansehen müssten. Wie dem auch sei, auf jeden Fall ist meine Konzentration enorm hinüber, sobald Essen auf dem Tisch steht. Einfach was nehmen? Manchmal, ja. Dann aber nicht wegen dem Hunger, sondern damit Menschen denken, dass ich esse. Meistens nein. Meistens versuchen, nicht drüber nachzudenken und bei dem Versuch feststellen, dass ich die letzten fünf Diskussionsargumente verpasst hab.
2. Körperlich anstrengende Aktivitäten (Demos, Aufbau für eine Veranstaltung…). Tja. Kreislauf. Sehr tagesformabhängig, aber hat durchaus schon für besorgte Blicke gesorgt.
3. Essen als sozialer Faktor. Nicht nur in der Plenumssituation, auch sonst. Klar will mensch als politischer Zusammenhang auch mal nette Sachen miteinander unternehmen. Und soziale Aktivitäten sind überdurchschnittlich oft mit Essen verbunden. Oder ist das nur in meinem Freund_innenkreis so? Pizza essen gehen, zusammen kochen, auf ein Eis treffen, zusammen in der VoKü hängen, Kuchen auf dem Straßenfest verkaufen, damit Kohle rankommt… Sorgt bei mir für tagelange, panikartige Ausnahmezustände im Vorfeld. Womit wir wieder bei Punkt 1 wären.

Das sind allerdings tatsächlich nur die rein pragmatischen Probleme. Und die treten natürlich nicht nur in der politischen Organisierung, sondern generell in meinem Alltag auf. Viel schwerwiegender sind die strukturellen Geschichten, die sich durch eine liebevoll gepflegte (ja, das war sarkastisch) Essstörung entstehen. (mehr…)

Über den Wert.

Nachdem ich mich einige Zeit mit Body Positivity auseinander gesetzt habe (natürlich ohne für mich nennenswerten Erfolg), musste ich über Wert nachdenken. Den Wert von Körpern. Den Wert von Essen.

Was ist Wert? Jaja, Marx und so. Tauschwert und Gebrauchswert, Gebrauchswert ungleich Tauschwert und so weiter. Da ist natürlich was dran. Körper haben Wert.
Und damit meine ich nicht ‚ein gesunder Körper ist viel Wert‘ oder Ähnliches. Damit meine ich die neoliberale Betrachtungsweise von Körpern. Leistung muss sich wieder lohnen. Dein Körper gehört dir, er ist Gegenstand deiner Leistung. Leistung ist Schönheit und Leistung ist Arbeit. Die Arbeit im Fitnessstudio, die Arbeit an der Attraktivität, die Arbeit an der Gesundheit. Wer’s übertreibt zählt dazu noch die Arbeit, sich aktiv verhungern zu lassen. Wie ich zum Beispiel. Oder phasenweise die Arbeit, sich nicht aktiv durch Verhungern zu töten. Nein, ein Körper ist nichts natürlich Gegebenes. (D)Ein Körper ist gesellschaftlich. Er darf nur nicht so aussehen. Es soll schon natürlich aussehen, die ganze Jugendlichkeit, Schlankheit und Schönheit. Aber das ist es nicht. Die Formen deines Körpers sind synonym zu deinen Charaktereigenschaften. Schlanksein ist Aktivität ist Leistung ist nicht Faulheit. Dicksein ist Inaktivität ist keine Leistung ist Faulheit. Deswegen gilt in der neoliberalen Gesellschaft dünn als schön/richtig und dick als hässlich/falsch. Bin ich also einfach nur überangepasst? Bin ich einfach nur zu sehr auf Leistung und Erfolg trainiert? Unabstreitbar, dass ich viel zu viel Scheiße sehr tief in mich reinsozialisiert bekommen habe. Das werde ich in meinem Leben nicht mehr los. Ich kann nur immer mehr versuchen, aufzudecken, was ich an internalisierten gesellschaftlichen Normen in meinem Kopf und meinem Handeln so wiederfinde. Und mich dann fragen, ob das denn sein muss.

Was ist Wert, wenn es um Essstörungen geht? Wenn es um Körper und Feminismus geht? Primär sind für mich an dieser Stelle zwei ‚Werte‘. Der Wert eines dünnen Körpers vs. eines dicken Körpers und der Wert von mir, meinen Körper am Leben zu erhalten. Aber der Reihe nach. (mehr…)