Über den Wert.

Nachdem ich mich einige Zeit mit Body Positivity auseinander gesetzt habe (natürlich ohne für mich nennenswerten Erfolg), musste ich über Wert nachdenken. Den Wert von Körpern. Den Wert von Essen.

Was ist Wert? Jaja, Marx und so. Tauschwert und Gebrauchswert, Gebrauchswert ungleich Tauschwert und so weiter. Da ist natürlich was dran. Körper haben Wert.
Und damit meine ich nicht ‚ein gesunder Körper ist viel Wert‘ oder Ähnliches. Damit meine ich die neoliberale Betrachtungsweise von Körpern. Leistung muss sich wieder lohnen. Dein Körper gehört dir, er ist Gegenstand deiner Leistung. Leistung ist Schönheit und Leistung ist Arbeit. Die Arbeit im Fitnessstudio, die Arbeit an der Attraktivität, die Arbeit an der Gesundheit. Wer’s übertreibt zählt dazu noch die Arbeit, sich aktiv verhungern zu lassen. Wie ich zum Beispiel. Oder phasenweise die Arbeit, sich nicht aktiv durch Verhungern zu töten. Nein, ein Körper ist nichts natürlich Gegebenes. (D)Ein Körper ist gesellschaftlich. Er darf nur nicht so aussehen. Es soll schon natürlich aussehen, die ganze Jugendlichkeit, Schlankheit und Schönheit. Aber das ist es nicht. Die Formen deines Körpers sind synonym zu deinen Charaktereigenschaften. Schlanksein ist Aktivität ist Leistung ist nicht Faulheit. Dicksein ist Inaktivität ist keine Leistung ist Faulheit. Deswegen gilt in der neoliberalen Gesellschaft dünn als schön/richtig und dick als hässlich/falsch. Bin ich also einfach nur überangepasst? Bin ich einfach nur zu sehr auf Leistung und Erfolg trainiert? Unabstreitbar, dass ich viel zu viel Scheiße sehr tief in mich reinsozialisiert bekommen habe. Das werde ich in meinem Leben nicht mehr los. Ich kann nur immer mehr versuchen, aufzudecken, was ich an internalisierten gesellschaftlichen Normen in meinem Kopf und meinem Handeln so wiederfinde. Und mich dann fragen, ob das denn sein muss.

Was ist Wert, wenn es um Essstörungen geht? Wenn es um Körper und Feminismus geht? Primär sind für mich an dieser Stelle zwei ‚Werte‘. Der Wert eines dünnen Körpers vs. eines dicken Körpers und der Wert von mir, meinen Körper am Leben zu erhalten. Aber der Reihe nach.

Ein gängiges Klischee über dünne Essgestörte ist es, dass diese dicke Menschen abstoßend und widerlich finden. Das wäre erstmal nicht weiter überraschend, denn es ist bekanntermaßen vollkommen sozial anerkannt, so zu denken. Dicke Menschen als Symbol für all das, vor dem Essgestörte Angst haben? Für all das, vor dem ich Angst habe? Zum Einen bin ich mir vollkommen bewusst darüber, dass der eigene Körper eben NICHT Ausdruck der eigenen Leistung und Disziplin ist, sondern einfach erstmal nur existiert und irgendwie geformt ist. Alles andere ist Drag. Es brauchte wahnsinnig viel Schweiß, Tränen und aktiven, intensiven und kontinuierlichen Selbsthass, 30kg zu verlieren. Das ist keine Leistung, das ist ein Zeichen dafür, dass mein Körper sich (vollkommen zu Recht) geweigert hat, sich irgendeinem ‚Ideal‘ anzupassen. Vom Übergewicht ins Untergewicht durch reinen Selbsthass. Und genau da ist der Punkt. Ich bin unglaublich neidisch auf Menschen, die body acceptance und body positivity ehrlich leben können – das sind natürlich nicht nur Menschen, die sich als dick identifizieren oder als dick gelesen werden, aber darum geht es ja bei gelebter body positivity zum Glück nicht mehr. Ich würde so gerne mich und meinen Körper akzeptieren können. Es wäre so unfassbar schön, mich nur einen Tag lang wenigstens okay zu finden. Diesen ganzen Quatsch zur Seite schieben zu können und mich einfach auf die Sachen konzentrieren, die ich wichtig finde. Aktives politisches Handeln, egal wie der Bauch gerade nach vorne gewölbt ist (eine der total schönen Nebenwirkungen vom Hungern, wahlweise vom Fressen und Kotzen). Mich mit Freund_innen auf ein Eis treffen und nicht vorher stundenlang überlegen, wie ich das überstehe, sondern welche schönen Neuigkeiten ich zu erzählen habe. Veranstaltungen besuchen, ohne Angst zu haben, wie schlimm ich im sitzen aussehe. Tanzen gehen können ohne Angst zu haben, irgendjemand sagt mir ‚Wir haben uns ja schon so lange nicht mehr gesehen, du siehst so ANDERS aus!‘. An meinen Texten schreiben und nicht alle zwei Minuten wahlweise die Kalorien von irgendetwas oder die Öffnungszeiten von irgendwelchen Lieferservices googeln. I would honestly love to have a day like this.

Die Sache ist Folgende: Ich möchte Körper nicht werten. Körper haben keinen Wert, maximal Gesundheit hat einen Wert. Und die hat mit Gewicht nur sehr bedingt etwas zu tun. Selbstgefühl hat Wert. Und das sollte nicht vom Gewicht abhängig sein. Mit ’sollte‘ meine ich an dieser Stelle nicht ‚hör mal auf, dich über dein Gewicht zu bewerten‘, sondern ‚liebe Gesellschaft, wenn du weiter Körper und damit Menschen nach ihrem Gewicht in gut und schlecht einteilst, werde ich dir irgendwann vor die Tür kacken, mindestens‘. Ich schaffe es meistens auch, stereotype Gedanken über Menschen im Bezug auf ihr Gewicht sehr schnell als solche zu identifizieren und damit für mich zu dekonstruieren. Ich finde selbst meistens nicht-dünne Frauen* und Männer* am attraktivsten. Ich finde überhaupt ganz schön viele Menschen sehr schön. Nur mich selbst hasse ich für jedes Gramm. Da hilft alles Rationalisieren und Reflektieren bisher nichts.
Und genau deswegen beneide ich gelebte body positivity unglaublich.

Ich bin mir vollkommen bewusst darüber, das thin privilege zu genießen. Lustig eigentlich, halte ich mich doch für die fetteste Person der Welt und habe das im Bezug darauf eindeutig negativ konnotiert. Ich weiß, dass Menschen mich als ‚normal‘ oder ‚dünn‘ sehen. Ich weiß, dass ich mich selbst anders sehe und vermutlich nie auch nur ansatzweise ein realistisches Bild von mir kriegen werde. Deswegen bin ich mir auch vollkommen darüber bewusst, das Aussagen wie ‚Menschen, die sich mögen, sind unabhängig von ihrem Gewicht beneidenswert‘ lächerlich klingen. Ich weiß allerdings auch, wie es ist, das thin privilege nicht zu genießen (mit meinem höchsten BMI war ich offiziell ‚adipös‘). Ich kenne die Sprüche, die Blicke, die Schikanen. Das ist nicht beneidenswert, das ist große Scheiße. Aber auch und gerade deswegen beneide ich gelebte body-positivity. Dass es Menschen schaffen, gegen das Anzugehen. Dass Menschen einen positiven Umgang damit schaffen. Ich habe nachgegeben. Ich habe irgendwann angefangen zu glauben, dass mein Wert antiproportional zu meinem Gewicht steigt. Ich habe es nicht mehr ausgehalten und bin ‚unsichtbar‘ geworden. Ich habe gewissermaßen aufgegeben. Das ist kein riot. Und dafür schäme ich mich. Mein Selbstwert ist ziemlich genau das Gegenteil von gestiegen, auch wenn mein anorektischer Körper mehr gesellschaftlichen Wert hat, als mein übergewichtiger Körper ihn je hatte.
Das ist also der eine Wert. Pure Ironie.

Jetzt zum anderen Wert. Der Wert von Essen. Essen ist neben Schlaf und Wasser DAS Lebenswichtigste überhaupt. Es geht also um einen Gebrauchswert. Essen bedeutet Energie, essen in in Gesellschaft bedeutet soziale Kompetenz, gesundes Essen bedeutet Selbstpflege. Das ist nichts für mich. Ich glaube so sehr, dass ich es nicht wert bin, zu essen. Das hat nichts mit Tötungsabsichten zu tun, viel mehr mit Strafe. Ich gestehe mir nicht zu, essen zu dürfen. Trotzdem denke ich den ganzen Tag an nichts anderes als an Essen. Essen ist also etwas enorm wertvolles, zu wertvoll für mich. Wie ist das passiert? Ich hab keine Ahnung. Das war eine Lüge. Klar kenne ich Gründe, aber um die soll es hier nicht gehen. Fakt ist: Ich habe internalisiert, dass Menschen eine bestimmte Wertigkeit besitzen. Die ist anscheinend in meinem Bild mindestens zu einem Teil vom Gewicht abhängig. Mein Wert zumindest. Wertvolle Menschen dürfen essen. Wertlose Menschen dürfen es nicht. Oder müssen danach kotzen, bis es weh tut. (Nur einmal das Selbstverständliche: Ich meine damit mich. Wenn du – eine essgestörte Person – das lesen solltest: Ich meine mich und niemals irgendeine andere Person. You are worth so much more than this.)

Zusammengefasst lässt sich also Folgendes festhalten: Der Wert von Menschen wird gesellschaftlich zu einem großen Teil über ihren Körper bestimmt. Natürlich ist dabei nicht immer das Gewicht im Vordergrund, aber dabei geht es nun mal in diesem Post. Der gesellschaftliche Wert eines Körpers und dem innewohnenden Menschen steigt mit sinkendem Gewicht und fällt rapide mit steigendem Gewicht. Somit schon mal Scheiße. Dagegen möchte ich mich wehren. Klappt nicht so richtig gut, denn ich habe meinen Körper gewaltvoll in seinem Wert gesteigert, indem ich Gewicht verloren habe. Damit ist mein Körper also wertvoller, als er es noch vor einiger Zeit war. Vor einiger Zeit durfte ich allerdings noch essen, was wertvoll ist. Jetzt darf ich es aufgrund von immanenter Wertlosigkeit dieses Körpers, ergo mir, nicht mehr. Je mehr Wert, desto weniger Wert also.

Sounds legit.


2 Antworten auf „Über den Wert.“


  1. 1 Bäumchen 08. August 2012 um 2:53 Uhr

    Wow. Danke, dass du das geschrieben hast. Du hast in Bezug auf Body Positivity ein Phänomen beschrieben, das ich ähnlich sehe: nämlich wieviel Energie es braucht um als Mensch täglich gegen Körpernormen anzukämpfen. Du schämst dich, „aufgegeben“ zu haben, aber du stehst auch einer Übermacht gegenüber. Ich hab diesen Gedanken mal verbloggt gehabt … *kram* … ah, hier: http://baumderglueckseligkeit.blogsport.de/2011/10/19/love-your-body-ist-das-alles/
    Meine ,,Moral“ am Ende klingt sehr schön und kämpferisch, aber ich kann und werde nicht bei einem Standpunkt verharren; jeden Tag verwirft mich diese Scheißwelt aufs Neue und ich muss mich neu sammeln, Kräfte bündeln, meinen Weg suchen. Manchmal gebe ich nach, manchmal bin ich der Widerspruch, manchmal helfe ich dabei, mich zu verletzen.
    Ich bin gespannt, wie es bei dir weitergeht.
    Liebe Grüße, Bäumchen

  2. 2 Riots And Diets 08. August 2012 um 21:56 Uhr

    Danke für deinen Kommentar und den Link! Ich stimme dir absolut zu, eine Individualisierung von ‚Selbstbildproblemen‘ ist ein großer Teil der Gesamtscheiße und hilft mir auch – je nach Tagesform – sehr gut dabei, alles als ausschließlich mein Problem zu betrachten. Die Trennung von privat/politisch sehe ich eigentlich sogar doppelt problematisch. Der eigene Körper und der Umgang damit ist eine so intime und private Sache (die natürlich nicht unbeeinflusst von dem Rest der Welt ist) – was auch noch zur Individualisierung des Problems beiträgt. Öffentlich bzw. nicht-privat ist jedoch das Ergebnis des Umgangs mit dem eigenen Körper. Vor allem, wenn der sich in relativ kurzer Zeit (sei es durch Essverhalten, Medikamente usw.) deutlich verändert. Diese Veränderung kann nicht privat gehalten werden, weil sie einfach sichtbar ist. Im Zweifelsfall bist du demnach auch noch zu einer Angriffsfläche für deinen Umgang mit deinem Körper geworden bzw. in der Rechtfertigungspflicht über die Veränderung. Das zusammen mit der sozialen Erwünschtheit von Kommentaren zu weiblichen* Körpern ist für mich nochmal eine extrafiese Kombi und braucht noch mehr Kraft. Das kanns alles nicht sein.
    Vielleicht sollten wir den Hate-Lookism-Day statt des Love-Your-Body-Day etablieren. ;)
    Liebe Grüße, Riots And Diets

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