Mein Essen und ich.

Ich habe mir etwas gekocht. Das erste Mal seit Monaten, wenn nicht seit einem Jahr. Einfach nur für mich alleine. Nicht für Besuch oder für irgendein soziales Event, sondern einfach nur für mich. Es ist sogar gesund und ich glaube, die Portion ist in etwa so groß, dass sie als ‚normal‘ durchgeht. Ich muss unglaublich gesund ausgehen haben beim kochen. Ich habe sogar über verschiedene Gewürze nachgedacht. Ich wollte, dass das fertige Essen schmeckt.

Danach sitze ich alleine am Tisch. Niemand außer mir ist in der Wohnung und alle zwei Sekunden hoffe ich, dass das so bleibt. Ich schließe die Küchentür. So hab ich ein paar Sekunden mehr, falls jemensch nach Hause kommt. Ein paar Sekunden für was eigentlich? Um mich auf dem Balkon zu verstecken? Um das Essen auf dem Balkon zu verstecken? Ich weiß es nicht.

Jetzt sitzen wir uns also gegenüber. Der Teller und ich. Nur wir beide. Ich habe die Kalorien natürlich schon lange ausgerechnet und aufgeschrieben. Das, was da vor mir liegt, geht tatsächlich als vollwertige Mahlzeit durch. Ich habe weite Klamotten an und freue mich, dass ich so unmöglich über den aktuellen Wölbungsgrad meines Bauches urteilen kann.
Hab ich eigentlich Hunger? Das Essen riecht lecker. Hör auf, Essen. Lass das. Bitte.

Ich werde es also wirklich tun. Ich werde dieses Essen essen und mich nicht schämen. Ich werde es einfach nur essen und danach nichts weiter tun.

Erster Bissen. Es schmeckt. Gut. Gut, dass es gut schmeckt. Nein, nicht gut. Ich will nicht, dass es schmeckt. Warum habe ich nicht zu viel Salz rein gemacht? Warum hab ich es nicht einfach anbrennen lassen?

Warum schäme ich mich eigentlich? Noch immer zitter ich, ob die Tür bald aufgeht. Dort könnten Menschen stehen, die sich gestern einen riesigen Auflauf gemacht haben. Unglaublich riesig. Und Chips gab es auch. Und Bier. Vielleicht auch Schokolade. Menschen, die höchstens fragen würden, ob sie auch einen Teller bekommen können, weil das Essen gut riecht. Wovor hab ich Angst?

Zweiter Bissen. Es ist wirklich lecker. Bin ich schon satt? Physisch kann das nicht möglich sein nach einem Bissen. Oder? Es ist so lecker. Fühlt sich an wie Kontrollverlust. Du schaffst das.

Wieso koche ich nicht für mich? Ich kann die tollsten Rezepte. Ich koche gerne für andere. Ich mag es, wenn sie sich wohlfühlen und das Essen genießen. Wenn das Essen schön aussieht, wie liebevolles Essen. Ich mag die Komplimente dafür. Ich mag es, zu sehen, wenn andere Leute gerne Essen. Es sieht so natürlich aus, als sollte es so sein. Warum nicht bei mir?

Dritter Bissen. Kurze Überlegung, ob ich die Zigarette nach dem Essen auf jetzt verschiebe. Um das Essen zu beenden? Wahrscheinlich, also tapfer weiter. Ich merke, dass ich angespannt ein Geräusch im Treppenhaus registriere. Und, dass mir Tränen heiß hochsteigen. Du schaffst das. Bitte. Hör auf, das zu genießen. Du hast das nicht verdient. Es ist okay, dieser Teller Essen wird dir nichts tun. Keine Angst haben. Ich will nicht.

Ich lese irgendetwas, registriere aber kaum den Inhalt. Ablenken. Kauen. Nicht drüber nachdenken. Nein, nicht ablenken, schau deinen Teller an. Er tut dir nichts. Warum kannst du nicht einfach hier sitzen und dich über dein Essen freuen? Weiterlesen. Nein, dann esse ich wohl möglich mehr, als ich eigentlich wollte. Volle Konzentration auf deinen Teller. Es ist okay, wirklich. Wir starren uns wieder an, das Essen und ich. Eigentlich sehe ich kaum, dass schon etwas fehlt.

Vierter Bissen. Come on. Was ist, wenn jemensch kommt? Warum bin ich nicht in mein Zimmer gegangen? Ach ja, ich wollte einfach nur in einer Küche an einem Tisch sitzen und etwas Essen. Zu einer Zeit, an der vermutlich viele Menschen essen. So stell ich mir vor, ist die Normalität. Was auch immer das ist.

Fünfter Bissen. Leg sofort die Gabel hin, du hast das nicht verdient. Sei ruhig, Kopf, bitte. Ich merke wieder Tränen hochkommen. Das ist viel zu wertvoll für dich. Mal ehrlich, du gibst dir Mühe beim Kochen? Für DICH? Ganz im Ernst. Nur unter uns. Was denkst du dir dabei? Jede Person in meinem Freund_innenkreis hätte ich sofort nach diesen Kommentaren für immer aus selbigem gelöscht. Warum darf mein Kopf so etwas zu mir sagen? Wer bin ich eigentlich, wenn ich nicht mein Kopf bin und mein Körper nicht sein will?

Weiter durchziehen. Volle Konzentration. Es ist nicht böse, zu essen. Wer hat denn schon ernsthaft Angst vor Nudeln? Komm mal runter. Echt. Such die wenigstens eine sinnvolle Angst. Geht nicht. Pause. Gabel zur Seite legen. Gabel entschlossen wieder in die Hand nehmen, um wieder in den Blickzweikampf mit meinem Teller zu gehen. Los jetzt. Es schmeckt sogar.

Im Essen ist Knoblauch. Was ist, wenn jemensch merkt, dass ich gegessen habe? Vermutlich passiert dann einfach nichts. Aber was, wenn dieser Mensch dann das gleiche denkt wie ich? Dann wäre ich nicht mit der Person befreundet. Was soll passieren? Hoffentlich kommt keine_r.

Ich erkläre das Essen für beendet. Ich bin beruhigt. Der Teller ist zufriedenstellend leerer als am Anfang. Und jetzt? Den Rest wegwerfen? Schäm dich. Was soll denn sowas? Essen wegwerfen? Ja, sofort. Das muss aus meinem Blickfeld. Nicht, dass ich noch mehr will. Was bist du für ein schlechter Mensch. Wirfst einfach Essen weg. Du könntest es wenigstens für die Anderen aufheben. Eine schlechte Mitbewohnerin bist du auch noch. Zum Glück ist keine_r gekommen.

Alle Spuren beseitigen. Nicht, dass mensch sieht, dass ich gekocht habe. Für mich gekocht habe. Wie egozentrisch. Mir tut der Magen weh. Oder ich bin satt. Oder beides. Nicht vor den Spiegel stellen. Nicht auf die Waage. Ignorier alle deine Gedanken.

Die Küche sieht aus wie vorher, ich habe eine Zigarette in der Hand. Ich rauche und starre ins Nichts. Sämtliche Gedanken über etwaige Konsequenzen des Essens ausblenden. Warum hast du das gemacht? Womit hast du das verdient? Du hast das Essen genossen, du fandest es lecker. Schäm dich. Für was eigentlich? Ich weiß es nicht. Schnell etwas lesen. Gedanken wegschieben. Mir tut der Magen weh.

365 Tage in diesem Jahr wird es so oder so ähnlich sein.


4 Antworten auf „Mein Essen und ich.“


  1. 1 mel 07. Januar 2013 um 1:07 Uhr

    ich weiß nicht wie es sagen soll, du spricht so unheimlich lieb von deinem essen. ich finde das sehr berührend.

  2. 2 Janne 07. Januar 2013 um 13:29 Uhr

    „365 Tage in diesem Jahr wird es so oder so ähnlich sein.“

    Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht wird es auch einfacher werden, zu essen. Vielleicht schaffst du irgendwann den ganzen Teller. Oder nimmst dir noch nach, weil es so gut schmeckt.
    Ich kann deine Gedankengänge voll und ganz nachvollziehen. Aber auch wenn es jetzt schwer ist, bedeutet das nicht, dass es immer so schwer bleiben wird. Und dass du das irrationale bereits benennen kannst, ist ein guter Schritt. Ich habe das bis vor der Therapie nie gekonnt.
    Viel Kraft für das kommende Jahr.
    Janne.

  3. 3 magda 03. März 2013 um 12:47 Uhr

    ich wollte eine kleine nachricht hier hinterlassen, um ein bisschen solidarität zu senden. dein erfahrungsbericht ist sehr, sehr weit weg von meiner lebensrealität, aber ich hoffe, dass du für dich einen zufriedenstellenden umgang mit dem essen, mit deinem körper findest. ich wünsche dir viel kraft und viele kleine, erfolgreiche mini-schritte, die du dir steckst.

    liebe grüße,
    magda

  4. 4 Riots And Diets 03. März 2013 um 14:50 Uhr

    vielen lieben dank für eure kommentare. tut sehr gut, so etwas zu lesen. danke!

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