Riots And Diets! http://riotsanddiets.blogsport.de Mon, 04 Mar 2013 16:35:16 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en worth reading III http://riotsanddiets.blogsport.de/2013/03/02/worth-reading-iii/ http://riotsanddiets.blogsport.de/2013/03/02/worth-reading-iii/#comments Sat, 02 Mar 2013 15:06:54 +0000 Riots And Diets Allgemein Körper Essstörung awareness Links http://riotsanddiets.blogsport.de/2013/03/02/worth-reading-iii/ * Zuerst: Der versprochene zweite Teil von ‚Dinge, die du nicht mehr sagen solltest, außer du hasst dicke Menschen‘.

* Dann, gerade gefunden:

Letztendlich glaube ich inzwischen, dass es bei diesem ganzen Vergleichen, bei diesen ganzen Bemühungen, krasser zu sein als die Anderen vor allem um eins geht: Die Anerkennung des eigenen Schmerzes. Die Anerkennung von den Verletzungen, die nichts mit ge-störtem Essverhalten zu tun haben. Die Anerkennung der inneren Wunden, die so scheiße tief gehen, dass nichts sie ausreichend zeigen kann. Nichts. Nie.

Wow. Vielen, vielen Dank für diesen Post.

* Warum Zunehmen nötig ist, um Magersucht zu bekämpfen und was Hungern mit dem Gehirn und der Psyche macht. Auf englisch hier.

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worth reading II http://riotsanddiets.blogsport.de/2013/02/08/worth-reading-ii/ http://riotsanddiets.blogsport.de/2013/02/08/worth-reading-ii/#comments Fri, 08 Feb 2013 15:33:55 +0000 Riots And Diets Körper Gesamtscheiße awareness Links http://riotsanddiets.blogsport.de/2013/02/08/worth-reading-ii/ Dinge, die du nicht mehr sagen solltest, außer du hasst dicke Menschen. Ja. JA. Am Besten einmal täglich lesen. Oder vorm Kamin deinen Freund_innen vorlesen. Großartig. Endlich. (Teil 2 davon folgt)
Das ist mir doch glatt einen Einzelpost wert. In diesem Sinne: Hört auf, Körper in gut und schlecht einzuteilen. Gilt übrigens sowohl für normschöne als auch für nicht normschöne Körper.

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Mein Essen und ich. http://riotsanddiets.blogsport.de/2013/01/06/mein-essen-und-ich/ http://riotsanddiets.blogsport.de/2013/01/06/mein-essen-und-ich/#comments Sun, 06 Jan 2013 16:36:18 +0000 Riots And Diets Allgemein Essstörung awareness http://riotsanddiets.blogsport.de/2013/01/06/mein-essen-und-ich/ Ich habe mir etwas gekocht. Das erste Mal seit Monaten, wenn nicht seit einem Jahr. Einfach nur für mich alleine. Nicht für Besuch oder für irgendein soziales Event, sondern einfach nur für mich. Es ist sogar gesund und ich glaube, die Portion ist in etwa so groß, dass sie als ‚normal‘ durchgeht. Ich muss unglaublich gesund ausgehen haben beim kochen. Ich habe sogar über verschiedene Gewürze nachgedacht. Ich wollte, dass das fertige Essen schmeckt.

Danach sitze ich alleine am Tisch. Niemand außer mir ist in der Wohnung und alle zwei Sekunden hoffe ich, dass das so bleibt. Ich schließe die Küchentür. So hab ich ein paar Sekunden mehr, falls jemensch nach Hause kommt. Ein paar Sekunden für was eigentlich? Um mich auf dem Balkon zu verstecken? Um das Essen auf dem Balkon zu verstecken? Ich weiß es nicht.

Jetzt sitzen wir uns also gegenüber. Der Teller und ich. Nur wir beide. Ich habe die Kalorien natürlich schon lange ausgerechnet und aufgeschrieben. Das, was da vor mir liegt, geht tatsächlich als vollwertige Mahlzeit durch. Ich habe weite Klamotten an und freue mich, dass ich so unmöglich über den aktuellen Wölbungsgrad meines Bauches urteilen kann.
Hab ich eigentlich Hunger? Das Essen riecht lecker. Hör auf, Essen. Lass das. Bitte.

Ich werde es also wirklich tun. Ich werde dieses Essen essen und mich nicht schämen. Ich werde es einfach nur essen und danach nichts weiter tun.

Erster Bissen. Es schmeckt. Gut. Gut, dass es gut schmeckt. Nein, nicht gut. Ich will nicht, dass es schmeckt. Warum habe ich nicht zu viel Salz rein gemacht? Warum hab ich es nicht einfach anbrennen lassen?

Warum schäme ich mich eigentlich? Noch immer zitter ich, ob die Tür bald aufgeht. Dort könnten Menschen stehen, die sich gestern einen riesigen Auflauf gemacht haben. Unglaublich riesig. Und Chips gab es auch. Und Bier. Vielleicht auch Schokolade. Menschen, die höchstens fragen würden, ob sie auch einen Teller bekommen können, weil das Essen gut riecht. Wovor hab ich Angst?

Zweiter Bissen. Es ist wirklich lecker. Bin ich schon satt? Physisch kann das nicht möglich sein nach einem Bissen. Oder? Es ist so lecker. Fühlt sich an wie Kontrollverlust. Du schaffst das.

Wieso koche ich nicht für mich? Ich kann die tollsten Rezepte. Ich koche gerne für andere. Ich mag es, wenn sie sich wohlfühlen und das Essen genießen. Wenn das Essen schön aussieht, wie liebevolles Essen. Ich mag die Komplimente dafür. Ich mag es, zu sehen, wenn andere Leute gerne Essen. Es sieht so natürlich aus, als sollte es so sein. Warum nicht bei mir?

Dritter Bissen. Kurze Überlegung, ob ich die Zigarette nach dem Essen auf jetzt verschiebe. Um das Essen zu beenden? Wahrscheinlich, also tapfer weiter. Ich merke, dass ich angespannt ein Geräusch im Treppenhaus registriere. Und, dass mir Tränen heiß hochsteigen. Du schaffst das. Bitte. Hör auf, das zu genießen. Du hast das nicht verdient. Es ist okay, dieser Teller Essen wird dir nichts tun. Keine Angst haben. Ich will nicht.

Ich lese irgendetwas, registriere aber kaum den Inhalt. Ablenken. Kauen. Nicht drüber nachdenken. Nein, nicht ablenken, schau deinen Teller an. Er tut dir nichts. Warum kannst du nicht einfach hier sitzen und dich über dein Essen freuen? Weiterlesen. Nein, dann esse ich wohl möglich mehr, als ich eigentlich wollte. Volle Konzentration auf deinen Teller. Es ist okay, wirklich. Wir starren uns wieder an, das Essen und ich. Eigentlich sehe ich kaum, dass schon etwas fehlt.

Vierter Bissen. Come on. Was ist, wenn jemensch kommt? Warum bin ich nicht in mein Zimmer gegangen? Ach ja, ich wollte einfach nur in einer Küche an einem Tisch sitzen und etwas Essen. Zu einer Zeit, an der vermutlich viele Menschen essen. So stell ich mir vor, ist die Normalität. Was auch immer das ist.

Fünfter Bissen. Leg sofort die Gabel hin, du hast das nicht verdient. Sei ruhig, Kopf, bitte. Ich merke wieder Tränen hochkommen. Das ist viel zu wertvoll für dich. Mal ehrlich, du gibst dir Mühe beim Kochen? Für DICH? Ganz im Ernst. Nur unter uns. Was denkst du dir dabei? Jede Person in meinem Freund_innenkreis hätte ich sofort nach diesen Kommentaren für immer aus selbigem gelöscht. Warum darf mein Kopf so etwas zu mir sagen? Wer bin ich eigentlich, wenn ich nicht mein Kopf bin und mein Körper nicht sein will?

Weiter durchziehen. Volle Konzentration. Es ist nicht böse, zu essen. Wer hat denn schon ernsthaft Angst vor Nudeln? Komm mal runter. Echt. Such die wenigstens eine sinnvolle Angst. Geht nicht. Pause. Gabel zur Seite legen. Gabel entschlossen wieder in die Hand nehmen, um wieder in den Blickzweikampf mit meinem Teller zu gehen. Los jetzt. Es schmeckt sogar.

Im Essen ist Knoblauch. Was ist, wenn jemensch merkt, dass ich gegessen habe? Vermutlich passiert dann einfach nichts. Aber was, wenn dieser Mensch dann das gleiche denkt wie ich? Dann wäre ich nicht mit der Person befreundet. Was soll passieren? Hoffentlich kommt keine_r.

Ich erkläre das Essen für beendet. Ich bin beruhigt. Der Teller ist zufriedenstellend leerer als am Anfang. Und jetzt? Den Rest wegwerfen? Schäm dich. Was soll denn sowas? Essen wegwerfen? Ja, sofort. Das muss aus meinem Blickfeld. Nicht, dass ich noch mehr will. Was bist du für ein schlechter Mensch. Wirfst einfach Essen weg. Du könntest es wenigstens für die Anderen aufheben. Eine schlechte Mitbewohnerin bist du auch noch. Zum Glück ist keine_r gekommen.

Alle Spuren beseitigen. Nicht, dass mensch sieht, dass ich gekocht habe. Für mich gekocht habe. Wie egozentrisch. Mir tut der Magen weh. Oder ich bin satt. Oder beides. Nicht vor den Spiegel stellen. Nicht auf die Waage. Ignorier alle deine Gedanken.

Die Küche sieht aus wie vorher, ich habe eine Zigarette in der Hand. Ich rauche und starre ins Nichts. Sämtliche Gedanken über etwaige Konsequenzen des Essens ausblenden. Warum hast du das gemacht? Womit hast du das verdient? Du hast das Essen genossen, du fandest es lecker. Schäm dich. Für was eigentlich? Ich weiß es nicht. Schnell etwas lesen. Gedanken wegschieben. Mir tut der Magen weh.

365 Tage in diesem Jahr wird es so oder so ähnlich sein.

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worth reading I http://riotsanddiets.blogsport.de/2013/01/06/worth-reading-i/ http://riotsanddiets.blogsport.de/2013/01/06/worth-reading-i/#comments Sun, 06 Jan 2013 12:40:23 +0000 Riots And Diets Allgemein Körper Essstörung Links support http://riotsanddiets.blogsport.de/2013/01/06/worth-reading-i/ Ich hab lange nichts von mir hören lassen. Ich hoffe, das ändert sich bald wieder. So long, hier ein paar sehr empfehlenswerte Artikel:

* Über fat-shaming und unerwünschtes Kommentieren des Essverhaltens – hier.

* Mehr zum Thema Kommentare über das Essverhalten hier. [englisch]

* Aus dem eigenen Leben – die eigenen Gedanken über den eigenen Körper:

Klare Position, dass nicht der Körper das Problem ist, sondern die Gedanken, die man sich darum macht, dass er das Problem sei. Ich fürchte, in dem ich hier das Gegenteil mache, den Schaden anzurichten, den ich in solchen Gesprächen verhindern will. But I struggle with this.

Nachzulesen hier. [In dem Artikel wird an einer Stelle ein Gewicht in kg genannt.]

* Noch mehr Gedanken über den eigenen Körper und ‚Schönheit‘:

Manchmal stehe ich vor dem Spiegel und fühle mich schön. Manchmal kaufe ich mir Dinge, weil ich mich darin schön fühle. Aber wenn ich mich dann mit dem vergleiche, was uns von außen als “schön” verkauft wird, dann bin ich objektiv überhaupt nicht schön.

Zu lesen hier.

* Selbst oft gedacht – aber nie verschriftlicht: Der Blick, mit dem Frauen* Frauen* abchecken. Ich werde ihn auch nicht los und mag mich nicht dafür.

* Essgestört Familienfeste und ähnliche Fressgelage überstehen? Ich wünschte, ich hätte diesen und diesen Link eher gefunden. Tipps für Betroffene und supporter_innen. [englisch]

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‚Magersüchtig‘ ist keine Körperform! http://riotsanddiets.blogsport.de/2012/08/27/magersuechtig-ist-keine-koerperform/ http://riotsanddiets.blogsport.de/2012/08/27/magersuechtig-ist-keine-koerperform/#comments Mon, 27 Aug 2012 18:01:15 +0000 Riots And Diets Körper Essstörung awareness http://riotsanddiets.blogsport.de/2012/08/27/magersuechtig-ist-keine-koerperform/ Ich erlebe es immer wieder: Ich bin in Gesellschaft irgendwo unterwegs, eine sehr dünne Person (meistens eine Frau*) kommt vorbei, meine Gesellschaft versucht, die Person nicht anzustarren und flüstert: „Krass, ist die magersüchtig!“.
Jetzt dazu alles, was ich dir, werte kommentierende Person, gerne an den Kopf werfen wollen würde, aber mich nie traue:
1. Who the fuck are you to judge? Wer gibt dir das Recht, ungefragt den Körper anderer Personen zu kommentieren? Ich hab in den letzten Jahren SO viele Kommentare bekommen, die ich nicht haben wollte. Von Besorgnis über ‚das sieht ja jetzt viel besser aus‘ über ‚wäre schon schöner, wenn du noch mehr abnehmen würdest‘ bis zu KZ-Vergleichen (das ist leider kein Scherz). Dabei war es meistens ziemlich egal, wie ich gerade ausgesehen habe. Mittlerweile bin ich so sensibilisiert darauf, dass ich mir Mühe geben muss, nicht loszuweinen, wenn eine Person auch nur IRGENDETWAS sagt, was nach ‚ich habe bemerkt, dass du einen Körper hast‘ klingt.
2. Magersucht ist einfach keine Körperform. Magersucht ist: Selbsthass, ist Bestrafung und ist aktive Selbstzerstörung. Magersucht ist nicht: sichtbare Knochen, dünne Beine und Arme oder ein ‚Model-Körper‘.
3. Gewicht ist ein Diagnose-Kriterium für Magersucht. Ist der BMI unter einem bestimmten Wert, kann eine Person als anorektisch diagnostiziert werden. Aber auch hier: Magersucht ist nicht Untergewicht. Untergewicht ist Untergewicht. Magersucht sind Verhaltensweisen und Gedanken. Magersucht heißt, 24 Stunden am Tag mit der Person verbringen zu müssen, die du auf dieser Welt am wenigsten magst. Magersucht heißt, sich selbst zu verbieten. Hatte eine Person ein hohes Ausgangsgewicht, ist es sehr wahrscheinlich, dass diese lange bevor der Diagnose-BMI erreicht wird, magersüchtig ist. War eine Person unter dem Diagnose-BMI und hat zugenommen, ist sie damit nicht auf wundersame Art und Weise geheilt. Hör auf, sehen zu wollen, wie es Menschen geht. Vor allem, indem du nur auf ihr Gewicht guckst. Der Krieg im Kopf wird durch die Waage nicht angezeigt.
4. Du weißt nie, wen du verletzt. Ich verstehe nicht, was dich dazu veranlasst, in meiner Gegenwart das Äußere anderer Menschen zu beurteilen. Aber ich weiß, dass es mich trifft. Im Moment ist mein BMI zu hoch, um offiziell anorektisch zu sein. Nennst du eine Person in meiner Gegenwart so, passiert bei mir Folgendes: Ich werde neidisch, dass du die Person siehst, aber nicht mich. Ich fühle mich fetter denn je. Ich glaube, nicht mal eine Essstörung richtig machen zu können und sogar bei dieser zu versagen, weil ich zu viel wiege. Ich vergleiche mich. Ich muss konstant fühlen, ob meine Knochen noch alle da sind. Ich hasse mich dafür, nicht magersüchtig auszusehen und mich nicht genug zu hassen.

Also, bitte bitte bitte: Überlege dir, warum du das Bedürfnis hast, den Körper von Menschen zu kommentieren. Setz nicht ‚magersüchtig‘ mit ‚dünn‘ gleich. Frag dich, warum du Körper in gut und schlecht einteilen möchtest. Egal, was bei dir ‚gut‘ und was bei dir ’schlecht‘ ist. You never know, who you gonna hurt.

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Veganismus und Essstörung http://riotsanddiets.blogsport.de/2012/08/09/veganismus-und-essstoerung/ http://riotsanddiets.blogsport.de/2012/08/09/veganismus-und-essstoerung/#comments Thu, 09 Aug 2012 10:42:56 +0000 Riots And Diets Essstörung vegan Zusammenhänge http://riotsanddiets.blogsport.de/2012/08/09/veganismus-und-essstoerung/ Ich lebe seit fünf Jahren vegan. Seit acht Jahren vegetarisch. In dieser Zeit habe ich natürlich auch einiges über Veganismus gelesen. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir dabei dieser Artikel. Es geht um den Versuch einer Verbindung von essgestörtem und veganem Verhalten von Frauen*. Sowohl im Originalartikel als auch in diesem Post soll es dabei nicht darum gehen, dass Veganismus potentiell eine essgestörte Lebensweise ist. Auch nicht darum, dass Veganismus und Essstörung irgendwie korreliert sind/sein müssen.
Ich stelle allerdings fest, dass bei mir sehr wohl eine Verbindung von beidem besteht. Sowohl im positiven als auch im negativen Sinne.

Als ich begonnen habe, vegan zu leben, habe ich das eine Zeit lang als eine enorme äußere Reglementierung und als Einschränkung empfunden. Essen war ganz leicht in ‚gut/erlaubt‘ und ’schlecht/verboten‘ einzuteilen. Aus meiner damals neu-veganen Perspektive hat die Kategorie ’schlecht/verboten‘ die Kategorie ‚gut/erlaubt‘ quantitativ krass überwogen. Das lag einfach daran, dass ich sehr gerne Käse esse und demnach vor dem Beginn der veganen Lebensweise mich fast immer von tierischen/vegetarischen Produkten ernährt habe. Außerdem hatte ich einfach keine Veganer_innen in meinem sozialen Umfeld, an denen ich mich hätte orientieren können. Das wiederum hatte zur Folge, dass ich einfach kein veganes Essen kannte. Rückblickend stellt sich mir dabei die Frage, aus welchen Gründen ich denn dann vegan geworden bin, wenn ich es doch als persönliche Reglementierung und Disziplinierung empfunden habe. Erst mit der Zeit ging mir auf, dass es mehr im Leben vegan lebender Menschen geben muss, als Marmeladenbrot und Bananen. Als ich vegane Möglichkeiten immer mehr für mich entdeckte, gab es einen Wandel in der Verteilung von ‚gut/erlaubt‘ und ’schlecht/verboten‘. Die guten/erlaubten Optionen wurden immer mehr und die schlechten/verbotenen dadurch auf einen der hinteren Plätze in meinem Gedächtnis verschoben. Ich hörte auf, unveganes Essen zu vermissen und fühlte mich nicht mehr eingeschränkt.
Zur zeitlichen Einordnung möchte ich noch erwähnen, dass all das stattgefunden hat, weit bevor ich als essgestört diagnostiziert wurde. Auch unabhängig von Diagnosen würde ich mich zu diesem Zeitpunkt als noch-nicht-essgestört-aber-ein-gestörtes-Verhältnis-zu-Essen-und-meinem-Körper beschreiben. Wobei der Grad dazwischen natürlich sehr schmal ist und nicht unbedingt nach diagnostischen Kriterien erfasst werden kann oder sollte, aber dazu schreibe ich wann anders. Mein Körper wurde zu diesem Zeitpunkt ‚offiziell‘ (= nach BMI) als übergewichtig klassifiziert. Das hat sich übrigens auch nicht allein durch Veganismus geändert, nur um auch mal kurz dieses Bild von vegan = schlank/untergewichtig/mangelernährt zu zerstören.

Aber zurück zum Thema. Wie hängen Veganismus und Essstörung bei mir zusammen?

„In einer Szene, in der von jeder Frau erwartet wird, das Patriarchat zumindest im Kopf bereits überwunden zu haben, ist es kaum möglich, zuzugeben, dass das eigene Wohlbefinden auch vom Gewicht abhängig gemacht wird.“

Trifft auf mich vollkommen zu. Es hat einen Grund, warum ich mich dazu entschlossen habe, über den Zusammenhang von Essstörung und Feminismus (in meinem Leben) anonym zu bloggen und nicht etwa mit meinem Namen und meinem Gesicht darüber zu sprechen. Wie bereits schon bei meinem Post über Wert geschrieben, möchte ich Körper nicht in gut oder schlecht einteilen, schon gar nicht mit ‚Gewicht‘ als der Superkategorie zur Einteilung. Im Bezug auf meinen eigenen Körper tu ich jedoch genau das. Das ist ein Widerspruch, den ich nicht auflösen kann und den ich vor allem nicht politisch argumentieren kann. Das heißt, er sollte nicht da sein. Das heißt, das Zugeben dieses Widerspruchs in meiner eigenen Realität wäre ein outing zum ‚doch nicht so reflektiert sein, wie ich es gerne wäre‘.

„Essstörungen sind immer auch ein Versuch, System in die eigene Ernährung zu bringen.“

Trifft auf mich ebenso zu. Veganismus lässt mich, wie schon geschrieben, Essen in ‚gut/erlaubt‘ und ’schlecht/verboten‘ einteilen. Meine Essstörung macht das Gleiche. Die Liste an ’schlecht/verboten‘ ist hierbei deutlich länger, als die von ‚gut/erlaubt‘, aber das ergibt sich ja aus der Sache.

„Es ist nicht ungesund, manche Lebensmittel nicht essen zu wollen – aber es ist problematisch, viele Lebensmittel nicht essen zu dürfen.“

Trifft auch zu. Das ist allerdings in meinem Verständnis nicht ausschließlich negativ, sondern teilweise auch enorm positiv.
Ich brauche Stunden, mich zu entscheiden, ob ich essen darf. Wenn die Auswahl an dem, was überhaupt gegessen werden darf, krass beschränkt ist, wird mir die Entscheidung erleichtert. Es ist viel einfacher, zwei Optionen zu haben als im Kopf zehn Optionen miteinander abzuwägen.

Außerdem habe ich zwischenzeitlich drei Monate unvegan gelebt. Das würde ich als eine meiner Hochphasen des Kontrollverlustes beschreiben. Entstanden ist diese unvegane Phase durch sich immer krasser aufdrängende Gedanken an geschmolzenen Käse und Erdnussbutter-Nutella-Toast. Nicht in Kombination, aber all diese unveganen Sachen, die ich früher so gerne mochte, waren auf einmal so sehr laut in meinem Kopf und wollten nicht weg. Das ist eine Nebenwirkung von Mangelernährung. Die kommt bei mir nicht durch veganes Essen, sondern durch nicht-essen. Ist der Körper soweit ausgezehrt, dass Essen dringend notwendig ist, holt der Körper sich, was er möchte. Das ist eine (nicht im positiven Sinne) der eindrucksvollsten Erfahrungen, die ich gemacht habe. Die Gedanken an Essen werden so LAUT in meinem Kopf, dass nichts, aber auch gar nichts, anderes daneben mehr Platz findet, wenn ich nur lange genug gehungert habe. Das heißt nicht, wochenlang nichts essen (dann wäre ich jetzt vermutlich tot), sondern mich über Monate soweit reduzieren, dass mein Körper gerade noch vitale Funktionen aufrecht erhalten kann. Nichtmal mehr die so richtig. Zu bemerken an ständigem Frieren, Muskelkrämpfen, tauben Füßen und kontinuierlicher Erschöpftheit. Dann schlägt der Körper zurück. Er holt sich, was er braucht. Ich stehe dem dann ohnmächtig gegenüber. Ist vermutlich ein guter Reflex, um das Überleben zu sichern, wird in meinem Kopf aber als Versagen gewertet.

Dieses Versagen eskalierte also eines schönen Tages darin, dass ich mich mit einer Packung Duplo und jede Menge Wunderbars wiederfand. Danach mit Pizza mit extra-viel Käse, anschließend mit Ofenkäse, gefolgt von Mousse au Chocolat und Schokocupcakes. Und so weiter.

Das, wovor ich monatelang Angst hatte, der komplette Kontrollverlust über mein Essverhalten, war Realität geworden. Und nichts hat mich mehr beängstigt.
In dem Versuch, irgendwie einen Kompromiss zwischen den Bedürfnissen meines Körpers und meiner Essstörung zu finden, war die Konsequenz für mich darauf, mir unveganes Essen zu ‚erlauben‘. Nicht, weil ich dieses konsumieren wollte, sondern weil ich versuchen wollte, solche krassen Fressattacken zu vermeiden und stattdessen irgendwie regelmäßig zu essen. Und bloß nicht zunehmen. Die Hoffnung war, dass unveganes Essen die Attraktivität verliert, wenn es nicht verboten ist. Dabei blieb das schlechte Gewissen, nicht mehr vegan zu leben. Das weiß bis heute niemand aus meinem sozialen Umfeld. Zum Einen, weil ich mich mal wieder schäme, meinem politischen Anspruch nicht gerecht zu werden und zum Anderen, weil ich gerade Situationen vermeiden möchte, in denen ich mich potentiell Fragen zu meinem Essverhalten aussetzen muss.

Da war ich also, unvegan in einer unveganen Welt. Die Möglichkeiten schier unbegrenzt. Die ganze (vegetarische) Auswahl des Supermarkts prasselte auf mich ein. Alles war auf einmal eine Option. Und damit war ich hoffnungslos überfordert. An jeder Ecke waren die fiesen Versuche, mich zunehmen zu lassen. Damit war mir jede Sicherheit genommen.
Die Beschränkung der Möglichkeiten an Essen bedeutet für mich Sicherheit. Ich kann mich sicherer an einem Ort bewegen, wenn ich weiß, dass die meisten Gerichte dort für mich einfach nicht infrage kommen und keine Versuchung darstellen. Sobald (für mich) konsumierbares Essen irgendwo physisch präsent ist, wo ich auch bin, konzentriert sich die volle Aufmerksamkeit erstmal auf dieses. Darf ich? Habe ich Hunger? Wann hab ich das letzte Mal gegessen? Wie fühlt sich nochmal Hunger an? Wie viele Kalorien hat das? Wie viele habe ich heute schon gegessen? Wie viele darf ich heute?
All diese Fragen sind dann überpräsent in meinem Kopf.

Ist auf dem Tisch aber etwas, was für mich ohnehin nicht in Betracht kommt, weil es z.B. unvegan ist, sind diese Fragen entweder sehr leise oder überhaupt nicht da. Das gibt mir die Sicherheit, mich frei bewegen zu können und meine Aufmerksamkeit bewusst steuern zu können, dahin wo ich sie haben möchte.
Als diese Feststellung kam, habe ich wieder angefangen, vegan zu leben. Und es hat sich so befreiend angefühlt. So beruhigend.

Lebensmittel nicht essen dürfen durch ein eigenes Verbot ist mit Sicherheit problematisch. Das Problem liegt dabei aber tiefer. Für mich ist die Sicherheit in der Bewältigung meines Alltags gerade primär und ausschlaggebend. Es fühlt sich gut an, wieder vegan zu leben. Nicht nur wegen den wegfallenden ‚Verführungen‘, sondern auch, weil ich nicht mehr das Gefühl habe, Menschen anzulügen, indem ich ihnen nicht gesagt habe, dass ich unvegan lebe. Und wegen der wegfallenden Angst, dabei ‚erwischt‘ zu werden.
Das Verbot von Essen würde ich dabei nur im Bezug auf Essstörung als ‚Verbot mit Sanktionierung‘ werten. Zu meiner Zeit vor der Essstörung (die nie komplett unbelastet von einem problematischen Verhältnis zu Essen und meinem Körper war) habe ich dieses, wie gesagt nicht mehr als Verbot erlebt, sondern als die autonome Entscheidung für den bewussten Verzicht. Das ist etwas vollkommen Anderes, wenn es um die moralische Bewertung und um Bestrafung geht. Eine autonome Entscheidung braucht keine Bestrafung, weil diese nicht Gesetz ist. Ein Verbot braucht Bestrafung, weil dieses Gesetz ist. Das ist ein himmelweiter Unterschied.

Fazit: Es gibt in meinem Leben sehr klare Verbindungen von Essstörung und Veganismus. Ich möchte damit nicht, auf gar keinen Fall, allen vegan lebenden Menschen unterstellen, ein problematisches Verhältnis zu Essen zu haben. Genauso wenig unterstelle ich allen essgestörten Menschen, vegan zu leben. Diese Korrelation kann offensichtlich sehr gut funktionieren, aber muss es nicht.
Ich sehe gleiche Grundmuster in praktiziertem Veganismus und Essstörung, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Die Gründe für eine Essstörung sind nicht beschränkt auf ‚es gibt böse Nahrungsmittel‘, genauso wenig sind die Gründe für Veganismus beschränkt auf ‚Käse ist fies für Kühe‘. Das gleiche Verhalten – Einteilen von Lebensmitteln in gut/erlaubt und schlecht/verboten – passiert dabei nicht unbedingt aufgrund gleicher Bewertungen. Die Störung fängt da an, wo die Selbstbestrafung anfängt. Essen nicht als Option zu sehen, ist da gestört, wo es als individueller Feind des Körpers und des Selbst gesehen wird. Nicht gestört ist es da, wo der Zweck ein anderer – nicht im Individuum gelagerter – ist.

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Riots and Diets? http://riotsanddiets.blogsport.de/2012/08/07/riots-and-diets/ http://riotsanddiets.blogsport.de/2012/08/07/riots-and-diets/#comments Tue, 07 Aug 2012 20:33:56 +0000 Riots And Diets Essstörung Widersprüche politische Organisierung http://riotsanddiets.blogsport.de/2012/08/07/riots-and-diets/ Kann das funktionieren? Mit ‚riots‘ meine ich nicht unbedingt offene Straßenschlachten und brennende Barrikaden (auch wenn das eine gewisse Romantik für sich hat), sondern aktive Politik. Auf Plena sitzen, Diskussionen, die Organisation von Veranstaltungen, auf Camps fahren und so weiter und so fort. Mit Essstörung.

Pragmatisch betrachtet gibt’s da erstmal ganz simple Probleme:
1. Auf fast jedem Plenum steht irgendwie Essen auf dem Tisch. Im besten Fall ist es mir egal, im Zweifelfall rumpelt mein Magen munter drauf los und ich habe Angst, dass mein Magenknurren bemerkt wird. Und im schlimmsten Fall bin ich fest davon überzeugt, dass mir doch alle meinen Hunger ansehen müssten. Wie dem auch sei, auf jeden Fall ist meine Konzentration enorm hinüber, sobald Essen auf dem Tisch steht. Einfach was nehmen? Manchmal, ja. Dann aber nicht wegen dem Hunger, sondern damit Menschen denken, dass ich esse. Meistens nein. Meistens versuchen, nicht drüber nachzudenken und bei dem Versuch feststellen, dass ich die letzten fünf Diskussionsargumente verpasst hab.
2. Körperlich anstrengende Aktivitäten (Demos, Aufbau für eine Veranstaltung…). Tja. Kreislauf. Sehr tagesformabhängig, aber hat durchaus schon für besorgte Blicke gesorgt.
3. Essen als sozialer Faktor. Nicht nur in der Plenumssituation, auch sonst. Klar will mensch als politischer Zusammenhang auch mal nette Sachen miteinander unternehmen. Und soziale Aktivitäten sind überdurchschnittlich oft mit Essen verbunden. Oder ist das nur in meinem Freund_innenkreis so? Pizza essen gehen, zusammen kochen, auf ein Eis treffen, zusammen in der VoKü hängen, Kuchen auf dem Straßenfest verkaufen, damit Kohle rankommt… Sorgt bei mir für tagelange, panikartige Ausnahmezustände im Vorfeld. Womit wir wieder bei Punkt 1 wären.

Das sind allerdings tatsächlich nur die rein pragmatischen Probleme. Und die treten natürlich nicht nur in der politischen Organisierung, sondern generell in meinem Alltag auf. Viel schwerwiegender sind die strukturellen Geschichten, die sich durch eine liebevoll gepflegte (ja, das war sarkastisch) Essstörung entstehen.
Die Konzentration ist weg. Du bist wie in Watte. Du fühlst nichts mehr. Das meine ich sowohl emotional als auch teilweise – dank schlechter Durchblutung und niedrigem Blutdruck – körperlich. Nichts essen macht nichts fühlen. Das ist vermutlich der Effekt bei jeder Sucht, ich kenn mich allerdings nur mit dieser aus. Je nachdem, ob ich mich gerade in einer Hungerphase oder einer Fressphase befinde, bin ich mehr oder weniger benebelt. Es fühlt sich wirklich an, wie ein Nebel. Ich finde ‚numbed‘ ein sehr schönes Wort dafür. Ich mag den Klang, der fasst es gut zusammen. Du bist also in einem Nebel. Dieser Nebel verhindert nicht nur deine Konzentration, sondern auch extreme Gefühle. Sie sind schon da, aber irgendwie hinter einem Schleier. Du kommst nicht richtig ran.

Das führt zu zwei Problemen: Einerseits die Entscheidungsfindung. Das ist irgendwie nicht überraschend. Immerhin brauche ich auch generell gut zwei bis drei Stunden, bis ich mich entschieden habe, ob ich jetzt essen darf oder nicht. Andererseits, und das ist viel schlimmer: Du wirst passiv. Du fügst dich dem Geschehen. Du nimmst es hin. Alles ist viel zu anstrengend und eigentlich hast du eh andere Sachen im Kopf. Heute vorwiegend der Gedanke an warme Schokosauce und der Gedanke daran, dass Schokolade beim Übergeben so ziemlich das Widerlichste überhaupt ist – also keine Schokosauce und als Ersatz lieber noch einen Kaffee. Schwarz ohne Zucker. Aber wo war ich stehengeblieben? Ach ja, Konzentrationsschwierigkeiten und Gleichgültigkeit. Die Konzentrationsschwierigkeiten wären damit bewiesen. Die Gleichgültigkeit mag teilweise sehr angenehm sein, – immerhin schützt sie mich davor, etwas fühlen zu müssen – aber sie steht der Politik im Weg. Organisierte Kritik ohne Kritik? Das funktioniert nicht. Diese Erkenntnis führt leider nicht dazu, dass ich endlich mal alles in den Griff kriege(n will/kann), sondern nur zu mehr Selbstbildentwertung. Du kannst nicht mal mehr Politik machen? Was soll das denn? Wo ist deine Daseinsberechtigung? Du gehst heute ohne Abendessen ins Bett. Und ohne Mittagessen. (Schokosauce mit Pfannkuchen) Damit wiederum ist dann auch die Konzentration für die nächste Zeit weg. Zum Einen, weil ich mich intern anpöbeln muss, zum Anderen, weil ich mich mit nicht-essen für meinen Aktivitätsverlust durch nicht-essen bestrafen muss. Zugegeben, das macht wenig Sinn. Ist mir vollkommen bewusst, leider funktioniert es in der Realität genau so.

Ich möchte nicht passiv sein, ich möchte aktiv sein. Ich will nicht den ganzen Tag an Essen denken (Pfannkuchen mit Banane), ich will mich mit spannenden Dingen auseinandersetzen, ohne Angepöbel und ohne, dass mir irgendwas dauernd in den Kopf ploppt (Sirup und Schokosauce). Passivität kann keinen Widerstand organisieren. Passivität ist der natürlich Feind des Widerstands. Diets der natürliche Feind von Riots, gewissermaßen. Passivität bedingt die Hinnahme der bestehenden Verhältnisse. Und die sind bekanntermaßen riesengroße Gesamtscheiße. Die will ich aber nicht einfach nur hinnehmen. Konsequenz: Kein Kuchen, keine Revolution. Oder so.

Im Moment (und bisher noch nie) sehe ich mich nicht dazu in der Lage, ernsthaft etwas meiner Essstörung entgegensetzen zu können. Das heißt, ich muss irgendwie einen Umgang finden, der es mir ermöglicht, trotzdem Politik zu machen. Am Besten, ohne mich dabei komplett kaputt zu machen. Kaputt macht sich noch schwerer Politik. Wie dieser Umgang aussehen kann, muss ich im Moment ständig neu überlegen. Gerade ist die Strategie, möglichst viel zu tun zu haben, um mich von Essen, nicht-essen und allem drumrum abzulenken. Das geht nur eine gewisse Zeit gut, sagt meine Erfahrung. Aber in der Zeit kann ich immerhin viel auf die Beine stellen. Dann sehe ich weiter. Dass das keine Dauerlösung ist oder sein kann, ist mir vollkommen bewusst. Aber vielleicht merke ich ja irgendwann, dass auch für mich gilt: Riots, not diets!

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Über den Wert. http://riotsanddiets.blogsport.de/2012/08/06/ueber-den-wert/ http://riotsanddiets.blogsport.de/2012/08/06/ueber-den-wert/#comments Sun, 05 Aug 2012 23:11:42 +0000 Riots And Diets Körper Essstörung Gesamtscheiße Widersprüche http://riotsanddiets.blogsport.de/2012/08/06/ueber-den-wert/ Nachdem ich mich einige Zeit mit Body Positivity auseinander gesetzt habe (natürlich ohne für mich nennenswerten Erfolg), musste ich über Wert nachdenken. Den Wert von Körpern. Den Wert von Essen.

Was ist Wert? Jaja, Marx und so. Tauschwert und Gebrauchswert, Gebrauchswert ungleich Tauschwert und so weiter. Da ist natürlich was dran. Körper haben Wert.
Und damit meine ich nicht ‚ein gesunder Körper ist viel Wert‘ oder Ähnliches. Damit meine ich die neoliberale Betrachtungsweise von Körpern. Leistung muss sich wieder lohnen. Dein Körper gehört dir, er ist Gegenstand deiner Leistung. Leistung ist Schönheit und Leistung ist Arbeit. Die Arbeit im Fitnessstudio, die Arbeit an der Attraktivität, die Arbeit an der Gesundheit. Wer’s übertreibt zählt dazu noch die Arbeit, sich aktiv verhungern zu lassen. Wie ich zum Beispiel. Oder phasenweise die Arbeit, sich nicht aktiv durch Verhungern zu töten. Nein, ein Körper ist nichts natürlich Gegebenes. (D)Ein Körper ist gesellschaftlich. Er darf nur nicht so aussehen. Es soll schon natürlich aussehen, die ganze Jugendlichkeit, Schlankheit und Schönheit. Aber das ist es nicht. Die Formen deines Körpers sind synonym zu deinen Charaktereigenschaften. Schlanksein ist Aktivität ist Leistung ist nicht Faulheit. Dicksein ist Inaktivität ist keine Leistung ist Faulheit. Deswegen gilt in der neoliberalen Gesellschaft dünn als schön/richtig und dick als hässlich/falsch. Bin ich also einfach nur überangepasst? Bin ich einfach nur zu sehr auf Leistung und Erfolg trainiert? Unabstreitbar, dass ich viel zu viel Scheiße sehr tief in mich reinsozialisiert bekommen habe. Das werde ich in meinem Leben nicht mehr los. Ich kann nur immer mehr versuchen, aufzudecken, was ich an internalisierten gesellschaftlichen Normen in meinem Kopf und meinem Handeln so wiederfinde. Und mich dann fragen, ob das denn sein muss.

Was ist Wert, wenn es um Essstörungen geht? Wenn es um Körper und Feminismus geht? Primär sind für mich an dieser Stelle zwei ‚Werte‘. Der Wert eines dünnen Körpers vs. eines dicken Körpers und der Wert von mir, meinen Körper am Leben zu erhalten. Aber der Reihe nach.

Ein gängiges Klischee über dünne Essgestörte ist es, dass diese dicke Menschen abstoßend und widerlich finden. Das wäre erstmal nicht weiter überraschend, denn es ist bekanntermaßen vollkommen sozial anerkannt, so zu denken. Dicke Menschen als Symbol für all das, vor dem Essgestörte Angst haben? Für all das, vor dem ich Angst habe? Zum Einen bin ich mir vollkommen bewusst darüber, dass der eigene Körper eben NICHT Ausdruck der eigenen Leistung und Disziplin ist, sondern einfach erstmal nur existiert und irgendwie geformt ist. Alles andere ist Drag. Es brauchte wahnsinnig viel Schweiß, Tränen und aktiven, intensiven und kontinuierlichen Selbsthass, 30kg zu verlieren. Das ist keine Leistung, das ist ein Zeichen dafür, dass mein Körper sich (vollkommen zu Recht) geweigert hat, sich irgendeinem ‚Ideal‘ anzupassen. Vom Übergewicht ins Untergewicht durch reinen Selbsthass. Und genau da ist der Punkt. Ich bin unglaublich neidisch auf Menschen, die body acceptance und body positivity ehrlich leben können – das sind natürlich nicht nur Menschen, die sich als dick identifizieren oder als dick gelesen werden, aber darum geht es ja bei gelebter body positivity zum Glück nicht mehr. Ich würde so gerne mich und meinen Körper akzeptieren können. Es wäre so unfassbar schön, mich nur einen Tag lang wenigstens okay zu finden. Diesen ganzen Quatsch zur Seite schieben zu können und mich einfach auf die Sachen konzentrieren, die ich wichtig finde. Aktives politisches Handeln, egal wie der Bauch gerade nach vorne gewölbt ist (eine der total schönen Nebenwirkungen vom Hungern, wahlweise vom Fressen und Kotzen). Mich mit Freund_innen auf ein Eis treffen und nicht vorher stundenlang überlegen, wie ich das überstehe, sondern welche schönen Neuigkeiten ich zu erzählen habe. Veranstaltungen besuchen, ohne Angst zu haben, wie schlimm ich im sitzen aussehe. Tanzen gehen können ohne Angst zu haben, irgendjemand sagt mir ‚Wir haben uns ja schon so lange nicht mehr gesehen, du siehst so ANDERS aus!‘. An meinen Texten schreiben und nicht alle zwei Minuten wahlweise die Kalorien von irgendetwas oder die Öffnungszeiten von irgendwelchen Lieferservices googeln. I would honestly love to have a day like this.

Die Sache ist Folgende: Ich möchte Körper nicht werten. Körper haben keinen Wert, maximal Gesundheit hat einen Wert. Und die hat mit Gewicht nur sehr bedingt etwas zu tun. Selbstgefühl hat Wert. Und das sollte nicht vom Gewicht abhängig sein. Mit ’sollte‘ meine ich an dieser Stelle nicht ‚hör mal auf, dich über dein Gewicht zu bewerten‘, sondern ‚liebe Gesellschaft, wenn du weiter Körper und damit Menschen nach ihrem Gewicht in gut und schlecht einteilst, werde ich dir irgendwann vor die Tür kacken, mindestens‘. Ich schaffe es meistens auch, stereotype Gedanken über Menschen im Bezug auf ihr Gewicht sehr schnell als solche zu identifizieren und damit für mich zu dekonstruieren. Ich finde selbst meistens nicht-dünne Frauen* und Männer* am attraktivsten. Ich finde überhaupt ganz schön viele Menschen sehr schön. Nur mich selbst hasse ich für jedes Gramm. Da hilft alles Rationalisieren und Reflektieren bisher nichts.
Und genau deswegen beneide ich gelebte body positivity unglaublich.

Ich bin mir vollkommen bewusst darüber, das thin privilege zu genießen. Lustig eigentlich, halte ich mich doch für die fetteste Person der Welt und habe das im Bezug darauf eindeutig negativ konnotiert. Ich weiß, dass Menschen mich als ‚normal‘ oder ‚dünn‘ sehen. Ich weiß, dass ich mich selbst anders sehe und vermutlich nie auch nur ansatzweise ein realistisches Bild von mir kriegen werde. Deswegen bin ich mir auch vollkommen darüber bewusst, das Aussagen wie ‚Menschen, die sich mögen, sind unabhängig von ihrem Gewicht beneidenswert‘ lächerlich klingen. Ich weiß allerdings auch, wie es ist, das thin privilege nicht zu genießen (mit meinem höchsten BMI war ich offiziell ‚adipös‘). Ich kenne die Sprüche, die Blicke, die Schikanen. Das ist nicht beneidenswert, das ist große Scheiße. Aber auch und gerade deswegen beneide ich gelebte body-positivity. Dass es Menschen schaffen, gegen das Anzugehen. Dass Menschen einen positiven Umgang damit schaffen. Ich habe nachgegeben. Ich habe irgendwann angefangen zu glauben, dass mein Wert antiproportional zu meinem Gewicht steigt. Ich habe es nicht mehr ausgehalten und bin ‚unsichtbar‘ geworden. Ich habe gewissermaßen aufgegeben. Das ist kein riot. Und dafür schäme ich mich. Mein Selbstwert ist ziemlich genau das Gegenteil von gestiegen, auch wenn mein anorektischer Körper mehr gesellschaftlichen Wert hat, als mein übergewichtiger Körper ihn je hatte.
Das ist also der eine Wert. Pure Ironie.

Jetzt zum anderen Wert. Der Wert von Essen. Essen ist neben Schlaf und Wasser DAS Lebenswichtigste überhaupt. Es geht also um einen Gebrauchswert. Essen bedeutet Energie, essen in in Gesellschaft bedeutet soziale Kompetenz, gesundes Essen bedeutet Selbstpflege. Das ist nichts für mich. Ich glaube so sehr, dass ich es nicht wert bin, zu essen. Das hat nichts mit Tötungsabsichten zu tun, viel mehr mit Strafe. Ich gestehe mir nicht zu, essen zu dürfen. Trotzdem denke ich den ganzen Tag an nichts anderes als an Essen. Essen ist also etwas enorm wertvolles, zu wertvoll für mich. Wie ist das passiert? Ich hab keine Ahnung. Das war eine Lüge. Klar kenne ich Gründe, aber um die soll es hier nicht gehen. Fakt ist: Ich habe internalisiert, dass Menschen eine bestimmte Wertigkeit besitzen. Die ist anscheinend in meinem Bild mindestens zu einem Teil vom Gewicht abhängig. Mein Wert zumindest. Wertvolle Menschen dürfen essen. Wertlose Menschen dürfen es nicht. Oder müssen danach kotzen, bis es weh tut. (Nur einmal das Selbstverständliche: Ich meine damit mich. Wenn du – eine essgestörte Person – das lesen solltest: Ich meine mich und niemals irgendeine andere Person. You are worth so much more than this.)

Zusammengefasst lässt sich also Folgendes festhalten: Der Wert von Menschen wird gesellschaftlich zu einem großen Teil über ihren Körper bestimmt. Natürlich ist dabei nicht immer das Gewicht im Vordergrund, aber dabei geht es nun mal in diesem Post. Der gesellschaftliche Wert eines Körpers und dem innewohnenden Menschen steigt mit sinkendem Gewicht und fällt rapide mit steigendem Gewicht. Somit schon mal Scheiße. Dagegen möchte ich mich wehren. Klappt nicht so richtig gut, denn ich habe meinen Körper gewaltvoll in seinem Wert gesteigert, indem ich Gewicht verloren habe. Damit ist mein Körper also wertvoller, als er es noch vor einiger Zeit war. Vor einiger Zeit durfte ich allerdings noch essen, was wertvoll ist. Jetzt darf ich es aufgrund von immanenter Wertlosigkeit dieses Körpers, ergo mir, nicht mehr. Je mehr Wert, desto weniger Wert also.

Sounds legit.

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